Die zweite September Woche ist internationale „World Childless Week“. Diese soll aufmerksam machen auf Menschen, die ungewollt kinderlos sind. „Childless not by choice“. So wie ich. Durch meine metastasierte Krebserkrankung war es leider nicht möglich Mama zu werden. Inzwischen habe ich die meiste Zeit meinen Frieden damit gefunden, aber genau wie die Krebserkrankung nie ganz passe sein wird ist es die Kinderwunschthematik eben auch nicht. Gerade für junge Krebspatient*innen ist das oft ein schwieriges Thema.
Ich wollte schon seit Tagen einen Post dazu machen, aber mir fehlten die Worte. In welcher Zeit leben wir, wenn Markus Söder Sachen sagt wie „Ohne Auto, Maschinenbau und Chemie ist Deutschland eine Dame ohne Unterleib.“?! Ja, man mag es kaum glauben welche Worte der bayrische Ministerpräsident findet anlässlich der diesjährigen IAA Eröffnung (September 2025).
Nun bin ich nicht ohne Unterleib, denn er wurde mir nicht abgeschraubt. Und meine Reproduktionsorgane sind auch noch im Körper. Trotzdem unfunktionell und damit bin ich wohl… – ja, was heißt das denn jetzt für mich?

Müssen Frauen Mütter sein?
Diese Aussage zeigt eigentlich nur sehr deutlich wie die patriarchalisch geprägte gesellschaftliche Ansicht nach wie vor ist. Kinder gehören oft einfach dazu und ich habe schon das Gefühl oft auch außen vor zu sein, weil sich sehr vieles gezielt an Familien mit Kindern richtet und weniger an Paare oder Einzelpersonen.
Es gibt sehr viele Menschen auf dieser Welt, die gerne Kinder haben möchten, es aber aus unterschiedlichen Gründen nicht klappt. Wir sind „childless not by choice“.
Meist ist das alleine schon schlimm genug. Wenn der Grund dafür eine Krebserkrankung (also eine potentiell tödliche Erkrankung) ist, dann ist das ein ziemliches Paket on Top. Da braucht es nicht noch Abwertung durch die Gesellschaft. Sondern viel mehr Empathie, Feingefühl und Verständnis.
Meine Kinderwunschbehandlung wegen Krebs
Meine Geschichte beginnt im November 2014. Ich bekomme völlig überraschend mit 32 Jahren die Brustkrebs Diagnose. Timo und ich waren gerade mal ein paar Monate verheiratet. Im Gespräch über die geplante Therapie kam auch die Frage nach dem Kinderwunsch. Und weil wir grundsätzlich schon Kinder wollten wurde uns eine Vorstellung in einer Kinderwunschklinik empfohlen. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich mich damit noch nie beschäftigt und nach dem ersten Telefonat wurde mir erst richtig klar was das ist.
Es folgten also Wochen aus Blut abnehmen, Hormonstatus bestimmen, sehr sehr teure Medikamente kaufen und regelmäßig zu Hause spritzen. Eine emotionale Achterbahnfahrt. Krebsdiagnose und die Frage ob ich bald sterben werde und dazu noch der Druck all diese Entscheidungen zu treffen. Eine Kinderwunschbehandlung vorsorglich zu machen um es später nicht zu bereuen. Alles um Mitte Dezember 9 Eizellen in einer OP zu entnehmen und pro forma auf Eis zu legen.






Eine teure Angelegenheit
Inzwischen werden die Kosten für diese vorsorgliche Kinderwunschbehandlung bei jungen Menschen mit Krebserkrankung wohl von der Krankenkasse bezahlt. Bei mir war das nicht der Fall und noch dazu musste alles schnell gehen.
Eine Freundin von mir hatte etwas mehr Zeit und konnte sich ihre Medikamente in einer französischen Apotheke online bestellen, wodurch die Kosten massiv geringer wurden.
Bei mir war das nicht möglich aus Zeitgründen und so mussten wir mehrere tausend Euro für die Behandlung und die Medikamente zahlen. Eine zusätzliche Belastung, die man mit einer frischen Krebsdiagnose überhaupt nicht brauchen kann.
Aber die Alternative war in Kauf zu nehmen später keine Kinder bekommen zu können und so war es uns das Geld wert. Gleichzeitig war es natürlich ziemlich heftig, weil wir eben nicht mal eben zufällig tausende Euro im Nachttisch liegen haben und ich finde es eine ziemlich Sauerei, dass so eine Behandlung zu einem Privileg wird und man ohne Geld einfach Pech hat. Wie so oft im Leben. Aber davon weiß Herr Söder wahrscheinlich nichts.
Prio 1: Krebstherapie mit 32 Jahren
Ich startete im Januar 2015 mit der Chemotherapie. Nach 6 Zyklen und der brusterhaltenden Operation (Teil-Ablatio-OP) kam das perfekte Wunschergebnis: pathologische Komplettremission. BÄM!
Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade 33 Jahre alt geworden und da ist man ja üblicherweise noch voll im gebärfähigen Alter. Meine Tumorhistologie zeigte eine hormonelle Beeinflussung, weshalb ich nun noch für 5 Jahre die Antihormontherapie machen sollte.
Ich bekam für 3 Jahre eine Spritze, die die Hormonbildung komplett unterdrückt und war damit hormonell komplett im Menopause Status, also in den künstlichen Wechseljahren. Zusätzlich bekam ich noch 5 Jahre lang eine Tablette, die sich an die entsprechenden Hormonrezeptoren andockte, damit das eben keine Tumorzellen machen können. (Das ist jetzt alles vereinfacht gesagt um es leicht verständlich zu machen. Ich habe im Blog und auf YouTube schon ausführlich über meine Krebserkrankung berichtet, schau da gerne rein, wenn du mehr wissen willst und dich das Thema interessiert).
Jahre voller Hoffnung
Für mich war direkt nach der OP im Mai 2015 klar: Ich bin jetzt wieder gesund. Ich hatte mir direkt den Port wieder mit entfernen lassen (ein Katheterport ist ein direkter Zugang zur Hauptvene und macht es leichter Infusionen, also die Krebstherapie iv, zu geben, weshalb das oft üblich ist bei einer Krebserkrankung) und mir war klar: Dieses Kapitel ist jetzt beendet.
Ich nahm 5 Jahre lang meine Antihormontherapie, immer mit dem Gedanken, dass ich danach einfach schwanger werde und ein Kind (oder auch mehr) bekomme. Für mich gab es überhaupt nicht die Option, dass das nicht klappen könnte.
Im Frühjahr 2020 war es dann soweit. Ich durfte offiziell die Therapie beenden. Meine regelmäßigen Krebs Nachsorge Untersuchungen sahen gut aus, es gab keinen Grund zur Sorge. Dass eine Schwangerschaft kein Rezidivrisiko mit sich bringt ist auch seit Jahren bestätigt und so war ich guter Dinge.
Doch jahrelange Hormonunterdrückung in so einem jungen Alter gingen nicht spurlos an mir vorbei und es dauerte einige Monate bis ich überhaupt wieder eine Blutung hatte und von einem regelmäßigen Zyklus konnte keine Rede sein.
Zeitdruck wegen des Alters
Nach ungefähr einem Jahr empfahl meine Gynäkologin den Besuch in der Kinderwunschklinik auf Grund meines Alters. Immerhin war ich jetzt schon 39 Jahre und plötzlich hieß es: Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nur bis zum 40. Lebensjahr der Frau.
Ein Schock für mich, denn plötzlich war da Druck da. Ich hatte mir dazu vorher keine Gedanken gemacht, denn für mich war es irgendwie klar, dass das kein Problem wäre. Immerhin war das alles keine freiwillige Entscheidung von mir, sondern krebsbedingt.
Und so fand ich mich wieder regelmäßig in Offenbach in der Kinderwunschklinik. Besprechungen, Blutentnahmen und wieder von vorne. Auch das dauerte wieder mehrere Monate und bis wir einen konkreten Plan hatten waren wir schon Anfang 2022, kurz vor meinem 40. Geburtstag.
Eingeschränkte Möglichkeiten
Ich hatte 2014 vorsorglich Eizellen entfernen lassen. Inzwischen gibt es auch die Möglichkeit Eierstockgewebe einfrieren zu lassen. Damals musste ich regelmäßig Hormone spritzen und so eine Stimulation im Körper machen.
Das wäre auch jetzt wieder die ideale Behandlung gewesen, aber es ist natürlich völlig sinnlos 5 Jahre lang die Hormonbildung komplett medikamentös zu unterdrücken um dann genau diese so extrem zu stimulieren. Diese Option schied also aus.
Der Plan war den nächsten natürlichen Zyklus abzuwarten und dann innerhalb des Zykluses die Eizellen einzusetzen. Mein Zyklus war nach wie vor unregelmäßig und die Zeit wurde knapp.
Die Metastasen kamen zuvor
Leider kam es ja dann nicht dazu diese auch einzusetzen, weil vorher die Metastasen entdeckt wurden. Damit wurde also all das zunichte gemacht. Emotionale Entscheidungen, sehr viel Geld für die ursprüngliche Behandlung und OP, in der die Eizellen entnommen wurden. Jahrelang musstse ich Lagerungskosten bezahlen und am Ende sehr viel Trauer und Tränen, als ich im Kinderwunschzentrum die Vernichtung der Eizellen in Auftrag geben musste.
Unerfüllter Kinderwunsch
Ich bin also ungewollt kinderlos. It was not my choice und ich muss mich nicht nur mit einer unheilbaren Krebserkrankung herumschlagen, sondern auch mit Verurteilung und Abwertung. Selbst bei einer Krebserkrankung wie meiner heißt es „immerhin hast du keine Kinder“. Also ob die Krankheit dann weniger schlimm wäre und als ob mein Leben ohne Kinder nicht wert wäre betrauert zu werden, wenn ich einmal sterbe.
Ich bin staatlich anerkannte Erzieherin und habe jahrelang in Kindertagesstätten und in meiner Schwimmschule mit Kindern gearbeitet. Ich war beliebt bei Kindern und Eltern und ich bin mir 100% sicher, dass ich eine gute Mutter gewesen wäre.
In meiner Vorstellung gab es keinen Zweifel daran, dass ich Mama sein werde und auch wenn ich im Alltag inzwischen gut damit klar komme gibt es immer wieder die Momente der Trauer.
Sei es, wenn in einem Film oder einer Serie die Protagonistin schwanger ist, schwanger werden möchte oder nicht schwanger werden kann oder natürlich noch mehr, wenn im Freundes- und Bekanntenkreis Schwangerschaften sind.
Trauer und Trauma
Das ganze Thema der ungewollten Kinderlosigkeit hat für mich viel Trauer und meine ganze Erkrankung und auch der unerfüllte Kinderwunsch sind traumatische Erlebnisse. Ich möchte nicht, dass mir und anderen das abgesprochen wird und wünsche mir hier mehr Verständnis und Unterstützung!
Ihr Lieben, wenn ihr mögt kommentiert gerne (respektvoll) wie es euch mit diesem Thema geht.
- Bist du auch ungewollt kinderlos oder ist das aktuell noch nicht ganz klar?
- Wie kannst du damit umgehen? Wo wünscht du dir mehr Verständnis?
- Teile diesen Blogpost gerne auch mit anderen, denen es ähnlich geht.
Du bist nicht allein.
Christine
- Hier findest du meinen Instapost zu dem Thema von 2024
- Mein Instagram Post zum Muttertag 2024, weil ähnliche Thematik






